Google Pixel 11 Pro XL im Test: Starke Kamera, müder Chip
Im August hat Google seine neue Pixel-Generation vorgestellt. Wir haben das Pixel 11 Pro XL zwei Wochen lang ausführlich im Alltag genutzt und geklärt, ob das große Pro-Modell die 100 Euro Aufpreis gegenüber dem Vorgänger wert ist.
Design und Verarbeitung
Am Äußeren hat sich fast nichts getan. Der durchgehende Kamerabalken bleibt das Erkennungszeichen der Reihe, neu ist nur, dass er jetzt vollständig unter Glas liegt. Wer ein Pixel der letzten Generationen kennt, wird das 11 Pro XL auf den ersten Blick nicht auseinanderhalten können. Mein Canyon-Modell mit dem poliertem Aluminiumrahmen und der satinierten Rückseite ist trotzdem eines der schöneren Smartphones dieses Jahres, und die Verarbeitung gibt keinen Anlass zur Kritik. Nach IP68 ist das Gerät gegen Staub und Wasser geschützt, Vorder- und Rückseite sind mit Gorilla Glass Victus 2 überzogen.
Mit 226 Gramm bleibt das XL allerdings ein Brocken. Google hat ein paar Gramm eingespart, spürbar ist das nicht. Nach einem Tag in der Hosentasche merkt man den Unterschied zu einem kompakteren Gerät deutlich, das gehört bei einem 6,8-Zoll-Smartphone aber zum Geschäft.
Eine Änderung fällt auf der Rückseite auf, und sie ist k(ein) Rückschritt. Den Temperatursensor, den Google seit dem Pixel 8 Pro verbaut hat, gibt es nicht mehr. An seine Stelle tritt „HiLight“, eine mehrfarbige LED im Kamerabalken. Sie leuchtet, wenn man Gemini per Sprachbefehl aufruft oder wenn ein vorher festgelegter Kontakt anruft – und sonst nicht. Als Benachrichtigungs-LED für beliebige Apps lässt sie sich nicht einrichten, und sichtbar ist sie ohnehin nur, wenn das Handy mit dem Display nach unten auf dem Tisch liegt.
In zwei Wochen habe ich sie kein einziges Mal gebraucht, dabei könnte man damit so viele coole Dinge machen. Mit Gemini rede ich lieber zum Display gewandt, und bei einem Anruf schaue ich sowieso auf den Bildschirm. Der Temperatursensor war eine Spielerei, die nicht wirklich entwickelt war. Die LED ebenfalls dabei hat sie deutlich mehr potenzial. Mal wieder leider eine Funktion, die Google nicht zu Ende entwickelt hat.
Das Display
Der Bildschirm misst 6,8 Zoll und ist die unauffälligste Stärke des Geräts – unauffällig in dem Sinn, dass man nie über ihn nachdenkt. Inhalte sind gestochen scharf, die Bildwiederholrate passt sich dynamisch an, und die Helligkeit ist das eigentliche Argument. Google spricht von 3.600 Nits Spitzenhelligkeit, eine Zahl, die man wie immer mit Vorsicht lesen sollte, weil sie für winzige Bildausschnitte unter Laborbedingungen gilt. Im Alltag ist die Frage aber ohnehin eine andere: Lässt sich das Display bei direkter Sonne ablesen, ohne die Hand darüber zu halten? Das gelingt mühelos, und zwar auch dann, wenn das Gerät längere Zeit draußen in Gebrauch ist.
Die Ränder um den Bildschirm sind schmal, aber nicht so schmal wie bei der aktuellen Konkurrenz. Entsperrt wird per Fingerabdrucksensor im Display oder per Gesichtserkennung, die auch für Banking-Apps freigegeben ist. Beides funktioniert schnell und zuverlässig, auch mit feuchten Fingern.
Google Pixel 11 Pro XL: Performance
Im Pixel 11 Pro XL arbeitet Googles neuer Tensor G6, und er ist der wunde Punkt dieser Generation. Dabei gibt es im täglichen Gebrauch nichts zu bemängeln. Apps öffnen zügig, das System läuft flüssig, Ruckler sind mir in den zwei Wochen nicht untergekommen. Wer sein Smartphone für Nachrichten, Social Media, Navigation und Fotos benutzt – also für das, wofür man ein Smartphone benutzt –, wird nie das Gefühl haben, dass hier etwas fehlt.
Das Problem beginnt beim Preis. Für ein Gerät jenseits der 1.300 Euro liefert Google eine Leistung ab, die eher dem Niveau der Flaggschiffe des Vorjahres entspricht. Die aktuelle Android-Konkurrenz rechnet spürbar schneller, und besonders bei der Grafikleistung tritt Google seit Generationen auf der Stelle. Bei anspruchsvollen Spielen und beim Schneiden von Videos merkt man das. Es ist nicht so, dass das Gerät versagt – es fühlt sich nur nicht nach dem an, was man für diesen Preis erwarten darf.
In den Benchmarks legt der Google Tensor deutlich hinter der Konkurrenz von Qualcomm oder Apple (Bild: TechnikNews)
Dazu kommt die Wärmeentwicklung. Bei längeren Videoaufnahmen und bei Navigation über mehrere Kilometer wurde mein Testgerät spürbar warm. Unangenehm heiß wurde es nie, und gedrosselt hat es auch nicht, aber man spürt, dass der Chip arbeitet.
Grandioses haptisches Feedback – wieder einmal
Ein Detail, das mir positiv aufgefallen ist und auf keinem Datenblatt steht: das haptische Feedback. Der Vibrationsmotor arbeitet extrem präzise, und Google hat die kleinen Rückmeldungen so fein ins System eingebaut, dass sich das Tippen und Scrollen schlicht hochwertig anfühlt. Das war schon bei früheren Pixeln eine Stärke, und es bleibt einer der Punkte, an denen man merkt, dass hier jemand über Details nachgedacht hat.
Beim Arbeitsspeicher hat Google übrigens aufgrund der aktuellen RAM-Krise gespart: Die Basisvariante mit 256 Gigabyte kommt nur noch mit 12 statt 16 Gigabyte RAM. Die vollen 16 Gigabyte gibt es erst ab 512 Gigabyte Speicher – bei diesen Preisen ein unschöner Schritt. Beim Mobilfunkmodem ist Google zu einem neuen Zulieferer gewechselt, im Alltag habe ich davon allerdings keinen Unterschied bemerkt: Der Empfang war genauso gut oder mittelmäßig wie beim Vorgänger.
Akku und Laden
Der Akku ist minimal kleiner geworden als im Vorgänger, hält aber länger durch – der effizientere Chip macht sich hier bezahlt. Bei mir waren fünf bis sechs Stunden Bildschirmzeit die Regel, und damit kam ich zuverlässig durch den Tag, abends meist noch mit einem Rest. Das ist gut, aber kein Rekord: Es gibt Android-Smartphones, die mit größeren Akkus und moderner Akkutechnik deutlich mehr herausholen. Google bleibt hier bei der klassischen Technik, während die Konkurrenz längst weiter ist.
Geladen wird per Kabel mit bis zu 45 Watt, ein Netzteil liegt nicht bei. Von leer auf voll dauert es etwa anderthalb Stunden, wobei die letzten Prozent bewusst langsam laufen. Kabellos lädt das XL mit bis zu 25 Watt und – das ist der eigentliche Komfortgewinn – mit Magneten. Wer aus der iPhone-Welt kommt, kann sein MagSafe-Zubehör weiterbenutzen, und im Android-Lager ist das noch immer eine Seltenheit. Ladeschale, Ständer, Autohalterung: Das funktioniert alles, ohne dass man zielen muss.
Die Kamera
Die Kamera ist der Grund, aus dem man sich für dieses Gerät entscheidet. Google verbaut eine 50-Megapixel-Hauptkamera, eine Telekamera mit fünffachem optischem Zoom und ein Ultraweitwinkel mit Autofokus und Makrofunktion. Der typische Pixel-Look bleibt erhalten: eher kühl abgestimmt, mit einem zurückhaltenden HDR-Effekt, scharf ohne künstliche Überschärfung. Für schnelle Schnappschüsse unterwegs ist das Gerät hervorragend – Handy heraus, auslösen, fertig, und das Ergebnis stimmt in aller Regel.
Am meisten beeindruckt hat mich die Telekamera. Der fünffache Zoom liefert Bilder, die man nicht als Zoomaufnahmen erkennt, und auch bei zehnfacher Vergrößerung bleibt das Ergebnis brauchbar. Darüber hinaus rechnet die Kamera mit künstlicher Intelligenz nach und geht bis zur 120-fachen Vergrößerung. Das ist beeindruckend anzusehen, hat mit Fotografie aber nur noch bedingt zu tun, und feine Details lösen sich schnell in Matsch auf. Immerhin speichert Google beide Versionen ab, das unbearbeitete Original und das KI-Bild, und hinterlegt den Eingriff in den Bildinformationen. Das ist ein fairer Umgang mit einer Technik, die sonst schnell ins Erfinden abrutscht.
Wir haben wieder für euch einige Testfotos mit dem Pixel 11 Pro XL gemacht, die ihr hier abrufen könnt.
Nachts arbeitet die Kamera deutlich schneller als früher, man muss also nicht mehr sekundenlang stillhalten. Die Farben bleiben natürlich, und in den meisten Situationen gefallen mir die Ergebnisse. Bei punktuellen Lichtquellen – Straßenlaternen, Leuchtreklame – tut sich das Pixel aber weiterhin schwer, und das Glas über dem Kamerabalken produziert dabei gelegentlich leichte Reflexionen.
Bei Video zeichnet das Gerät bis zu 8K auf, in 4K ist bei 60 Bildern pro Sekunde Schluss. Professionelle Formate fehlen weiterhin. Dafür ist die Stabilisierung ausgezeichnet: Selbst beim Gehen über Kopfsteinpflaster bleiben die Aufnahmen ruhig.
Software und KI
Softwareseitig bleibt Google seiner Linie treu, und das ist gut so: nahezu unverändertes Android 17 ohne aufgesetzte Oberfläche, dazu sieben Jahre lang Funktions- und Sicherheitsupdates. Wer sein Smartphone lange behalten will, bekommt hier eines der besten Angebote am Markt – rechnerisch bleibt dieses Gerät bis Anfang der 2030er-Jahre aktuell.
Von den neuen KI-Funktionen ist eine tatsächlich in meinem Alltag gelandet: die Diktierfunktion, die auch auf Deutsch „Rambler“ heißt. Sie schreibt Gesprochenes nicht nur mit, sondern entfernt Füllwörter, Ähs und verworfene Satzanfänge automatisch. Das funktioniert auf Deutsch erstaunlich zuverlässig und spart beim Schreiben längerer Nachrichten tatsächlich Zeit. Eine Internetverbindung braucht sie allerdings.
Der Rest ist nett, aber nicht entscheidend. Die neuen Bildstile in der Kamera-App, die generierten App-Icons, die erweiterte Live-Übersetzung: Ich habe das alles ausprobiert und danach nicht wieder geöffnet. Ohnehin bekommen wir in Europa nicht den vollen Funktionsumfang – die Funktionen, bei denen Gemini im Hintergrund selbstständig Aufgaben übernimmt, sind hierzulande nicht verfügbar.
Fazit
Das Google Pixel 11 Pro XL ist ein sehr gutes Smartphone, das seinen Preis nur nicht mühelos rechtfertigt. Die Kamera gehört zum Besten, was man derzeit kaufen kann, besonders beim Zoom. Das Display ist hell genug für jede Situation, der Akku bringt einen zuverlässig durch den Tag, das magnetische Laden ist ein echter Komfortgewinn, und sieben Jahre Updates sind ein Argument, das kaum jemand schlägt.
Dagegen stehen zwei Dinge, die mich in den zwei Wochen wirklich gestört haben. Die HiLight-LED ersetzt einen nützlichen Sensor durch eine Spielerei, die (noch) kaum etwas kann. Und der Prozessor ist schlicht nicht das, was man in dieser Preisklasse erwarten sollte – im Alltag merkt man es nicht, auf der Rechnung schon.
Wer viel fotografiert und sein Smartphone lange behalten will, bekommt hier trotzdem ein rundes Gerät, mit dem man auf Jahre hinaus zufrieden sein wird. Wer vom Pixel 10 Pro XL kommt, hat dagegen keinen Grund zu wechseln. Und wer noch etwas Geduld hat, sollte auf die Straßenpreise schauen: Die liegen schon jetzt spürbar unter der Empfehlung des Herstellers.